KI-Deepfakes: Was Schweizer KMU jetzt wissen müssen

Das Bundesamt für Cybersicherheit (BACS) hat im Juli drei Wochenrückblicke nacheinander dem Thema KI-generierte Inhalte gewidmet. Bilder, Texte, Videos – alles manipuliert, alles täuschend echt. Drei Wochen am Stück. Das allein sagt schon einiges über die Dringlichkeit.

Wir haben die BACS-Publikationen gelesen, mit internationalen Studien abgeglichen und uns gefragt: Was bedeutet das konkret für ein Schweizer KMU mit 20 bis 200 Mitarbeitenden? Nicht theoretisch. Praktisch.

Worum es geht

In den Wochenrückblicken KW 28 bis 30 behandelt das BACS drei Bereiche: KI-generierte Bilder (Woche 28), KI-generierte Texte und Webseiten (Woche 29) und Deepfake-Videos mit Face-Swapping (Woche 30). Die Stossrichtung ist unmissverständlich. Was früher an Rechtschreibfehlern oder verwaschenen Gesichtern erkennbar war, sieht heute professionell aus. Phishing-Mails in fehlerfreiem Deutsch. Webseiten, die man kaum von echten Anbietern unterscheidet. Videos, in denen Gesichter ausgetauscht werden, ohne dass es auffällt.

Und dann das: Das BACS dokumentiert konkrete Fälle aus der Schweiz. Gefälschte Videos von Bundesräten, die für Investmentbetrug eingesetzt wurden. Face-Swapping in Echtzeit-Videocalls. Wer jetzt noch denkt, «das passiert bei uns nicht» – doch. Es passiert bereits.

Was die internationalen Zahlen dazu sagen

Die BACS-Warnungen stehen nicht im luftleeren Raum. Eine Keepnet-Studie beziffert den Anteil der Unternehmen, die bereits finanziellen Schaden durch Deepfake-Betrug erlitten haben, auf 92 Prozent. Zweiundneunzig. Die durchschnittlichen Kosten pro Vorfall haben sich zwischen 2022 und 2024 auf 450’000 USD fast verdoppelt. Gartner sieht eine Deepfake-Vorfallsrate von 62 Prozent, Pindrop einen Anstieg von 1’210 Prozent bei KI-gestütztem Betrug im Jahr 2025.

Aber die vielleicht erschreckendste Zahl ist eine andere: Nur fünf Prozent der Unternehmen haben eine dokumentierte Strategie gegen Deepfake-Angriffe. Fünf. Und 80 Prozent haben keinerlei formelle Prozesse, um auf einen solchen Angriff zu reagieren. Wohlgemerkt – diese Zahlen stammen aus Befragungen von Grossunternehmen. Bei KMU? Da will man lieber nicht nachfragen.

Drei Gründe, warum Schweizer KMU interessante Ziele sind

Erstens: Geld. Schweizer Firmen gelten als zahlungskräftig. Ein CEO-Fraud über einen Deepfake-Videocall lohnt sich finanziell mehr als in vielen anderen Ländern, weil die Transaktionsbeträge schlicht höher ausfallen. Für einen Angreifer ist das eine simple Renditerechnung.

Zweitens: Vertrauen. Die Schweizer Geschäftskultur funktioniert stark über persönliche Beziehungen. Wer seit zehn Jahren mit demselben Lieferanten zusammenarbeitet, hinterfragt einen Anruf weniger skeptisch. Genau das nutzen Angreifer aus – und mit Deepfakes haben sie jetzt das Werkzeug dazu.

Drittens: fehlende Ressourcen. Es gibt keinen dedizierten Security-Analysten, der neue Angriffsformen im Blick hat. Kein strukturiertes Awareness-Programm, das über eine jährliche E-Mail hinausgeht. Wir sehen das bei fast jedem Assessment, das wir durchführen.

Die unbequeme Wahrheit zur Erkennung

Das BACS listet hilfreiche Erkennungsmerkmale auf – und die sind durchaus praxistauglich. Unnatürliche Übergänge am Hals bei Face-Swaps. Fehlerhafte Hände in KI-Bildern. Übermässiges Verwenden von Fettschrift in KI-Texten. One-Pager-Webseiten mit zu vielen Animationen. Gute Tipps, die im Alltag helfen.

Aber – und das muss man ehrlich sagen – das wird nicht lange so bleiben. Die KI-Modelle verbessern sich schneller als unsere Fähigkeit, ihre Erzeugnisse zu erkennen. Das BACS sagt selbst, dass eine sichere Erkennung meist nur durch Kombination mehrerer Merkmale gelingt. Und auch das wird von Monat zu Monat schwieriger.

Deshalb der entscheidende Gedanke: Weg von «ich erkenne die Fälschung» hin zu «meine Prozesse sind so gebaut, dass eine Fälschung keinen Schaden anrichten kann». Das ist ein fundamentaler Unterschied.

Was KMU jetzt tun sollten

Vier-Augen-Prinzip für Zahlungen ab einem bestimmten Betrag. Keine Ausnahmen – auch nicht wenn der Geschäftsführer persönlich anruft. Gerade dann nicht. Wer das für übertrieben hält: Genau so laufen diese Angriffe ab.

Rückruf über einen bekannten Kanal bei ungewöhnlichen Anfragen. Nicht die Nummer verwenden, die im verdächtigen Anruf oder der Mail steht, sondern die intern gespeicherte. Klingt banal? Wird trotzdem ständig nicht gemacht.

Ein gemeinsam vereinbartes Codewort für kritische Situationen. Ja, das klingt wie aus einem Spionagefilm. Aber es ist einer der wenigen Faktoren, die KI nicht simulieren kann. Altmodisch schlägt hier High-Tech.

Regelmässiges Training – aber realistisch. Es geht nicht darum, dass Mitarbeitende Deepfakes erkennen lernen. Das ist ein Wettrennen, das wir langfristig verlieren. Es geht darum, dass sie bei Ungewöhnlichem innehalten und den definierten Verifizierungsprozess nutzen. Simulierte Social-Engineering-Angriffe mit KI-Elementen sind dafür das beste Instrument.

Und: weniger Bild- und Videomaterial von Schlüsselpersonen im Netz. Je weniger Material verfügbar ist, desto schwieriger wird es, einen überzeugenden Deepfake zu erstellen. Das vergessen viele.

Unser Fazit

Die BACS-Serie ist lesenswert und kommt zum richtigen Zeitpunkt. Aber die eigentliche Herausforderung liegt nicht im Erkennen manipulierter Inhalte – das ist ein Rückzugsgefecht. Die Herausforderung liegt darin, Unternehmensprozesse so aufzusetzen, dass sie auch dann funktionieren, wenn jemand am anderen Ende der Leitung nicht der ist, der er vorgibt zu sein. Die gute Nachricht: Die wirksamsten Massnahmen kosten wenig und lassen sich sofort umsetzen. Man muss es nur tun.

Wir unterstützen Schweizer KMU mit Social-Engineering-Assessments und Phishing-Simulationen, seit 2025 auch mit KI-gestützten Angriffsszenarien. Sprechen Sie mit uns, wenn Sie wissen wollen, wie gut Ihre Organisation vorbereitet ist.

Quellen und weiterführende Links: BACS Wochenrückblick KW 28, KW 29, KW 30, Keepnet Deepfake Statistics 2026, Adaptive Security Report