KI wird heute gleichzeitig eingesetzt um Systeme zu schützen und um sie anzugreifen, ein digitales Wettrüsten bei dem beide Seiten dieselbe Technologie nutzen. Es ist wichtig sich dieser Dynamik bewusst zu sein, weil viele früher gültige „Regeln“ nun obsolet werden oder angepasst werden müssen.
Bundesrat nimmt Stellung
Im Dezember 2025 hat der Bundesrat seinen Bericht zu KI in der Cybersicherheit veröffentlicht als Antwort auf das Postulat 23.3861.
Die Kernaussage:
„KI verändert die Cybersicherheit nicht grundlegend, sondern wirkt als Katalysator bestehender Entwicklungen.“
Also ein Beschleuniger und kein kompletter Paradigmenwechsel: was vorher schon gefährlich war wird jetzt schneller gefährlich, und was vorher funktioniert hat funktioniert besser (oder schlechter, je nach Perspektive).
BACS-Direktor Florian Schütz formulierte es im SRF-Interview so: „Ich habe Hoffnung, dass KI letztlich den Verteidigern mehr hilft als den Angreifern.“
KI in der Verteidigung
Wer ein Security Operations Center (SOC) betreibt kennt das Problem: zu viele Alarme, zu wenig Personal, zu wenig Zeit. KI verändert diese Gleichung zugunsten der Verteidigung, denn was früher 30 Minuten und mehr an Analyse pro Vorfall benötigte schaffen KI-gestützte Systeme z.B. in unter zwei Minuten.
Einige Zahlen dazu:
- 73% der Unternehmen setzen bereits auf agentenbasierte KI in der Cybersecurity (Elevate Consult).
- 77% der Security Stacks enthalten inzwischen generative KI-Komponenten (Darktrace, 2026).
- Unternehmen mit KI-gestützter Sicherheit reduzieren ihre Breach-Kosten um ca. 2 Millionen Dollar und dämmen Vorfälle 80 Tage schneller ein (IBM).
Die grossen Anbieter haben verstanden wohin die Tendenz geht: Microsoft hat Security Copilot um 12 neue KI-Agenten erweitert die autonom Sicherheitsaufgaben übernehmen können, SentinelOne verzeichnet mit Purple AI eine Attach Rate von 40% und bringt mit Athena eine vollständig agentenbasierte Version, und Palo Alto Networks hat mit XSIAM eine grosse Partnerschaft mit Google Cloud geschlossen.
Alle drei dieser EDR-Anbieter erreichten 2026 eine 100-Prozent-Erkennungsrate in der MITRE Evaluation, was vor fünf Jahren noch nicht denkbar gewesen wäre.
KI als Angriffswaffe
KI-gestütztes Phishing ist 2025 um 1’210 Prozent gestiegen, Vishing (also Voice Phishing per Telefon) hat in einem einzigen Quartal um 170% zugelegt, und KI-generierte Phishing-Mails erzielen eine ca. vierfach höhere Klickrate als menschlich verfasste Mails.
Bei Deepfakes sieht es nicht besser aus: Menschen erkennen gefälschte Stimmen nur in ca. einem Viertel der Fälle, was bedeutet dass drei von vier Deepfake-Anrufen funktionieren…
Auf der technischen Seite ist die Situation besorgniserregend. Laut einem Whitepaper der Cloud Security Alliance konnte GPT-4 bereits 87% reale One-Day-Schwachstellen ausnutzen, und im Januar 2026 fand ein KI-Agent sogar sämtliche 12 Zero Days in einem neuen OpenSSL-Release. Die durchschnittliche Zeit von der Entdeckung einer Schwachstelle bis zum ersten Exploit ist inzwischen von 756 Tagen (im Jahr 2018) auf 4 Stunden geschrumpft.
Im Darknet gibt es mittlerweile über 200 bösartige LLMs (z.B. GhostGPT, abonnierbar für 50 Dollar pro Woche), und 76% der eingesetzten Malware zeigt heute KI-gestützte Polymorphie und mutiert alle 15 Sekunden um Erkennung zu umgehen. Was die Einstiegshürde für Angreifer betrifft: über 70 Open-Source-KI-Pentesting-Tools stehen frei zur Verfügung, und was früher zwischen 15’000 und 50’000 Dollar kostete gibt es jetzt für 28.50 Dollar, ein Schnäppchen und günstiger als die Software für die Verteidigung.
Schweiz: auch wir sind betroffen
Das BACS meldete für das Jahr 2025 rund 65’000 Cybervorfälle, ein leichter Anstieg gegenüber den 63’000 im Vorjahr, wobei sich die Qualität der Angriffe stark „verbessert“ hat. Deepfake-Investmentbetrug ist förmlich explodiert: 5’706 Meldungen gegenüber 1’179 im Vorjahr.
Die geschätzten Verluste durch Online-Investmentbetrug: rund 250 Millionen Franken allein 2025.
Ein Fall aus dem Kanton Schwyz (Januar 2026) zeigt wie weit die Technologie inzwischen fortgeschritten ist: ein Unternehmer verlor mehrere Millionen Franken weil Betrüger die Stimme eines Geschäftspartners per KI klonten.
Selbst Bundesrätin Karin Keller-Sutter wurde zum „Opfer“, denn gefälschte Videos mit ihrem Konterfei wurden bereits aktiv für Investmentbetrug missbraucht. Wenn Deepfakes glaubwürdig genug sind um die Finanzministerin zu imitieren, wie sollen dann normale Mitarbeitende einen gefälschten CEO-Anruf erkennen?
Finanzbranche
Die FINMA hat im April 2025 eine Umfrage veröffentlicht: rund 50% der Finanzinstitute setzen bereits KI ein, davon 91% generative KI. FINMA-Präsidentin Marlene Amstad warnte im Juni 2026 aber auch deutlich dass KI die Banken durch die neue Angriffsfläche verwundbarer macht.
Innovation aus der Schweiz
Immerhin ist die Schweiz nicht nur Zielscheibe sondern auch Innovationsstandort: Lakera aus Zürich (spezialisiert auf den Schutz von KI-Anwendungen) wurde von Check Point für rund 300 Millionen Dollar aufgekauft, Invariant Labs (ein ETH-Spin-off) ging an Snyk, und Aurigin aus Winterthur entwickelt Echtzeit-Deepfake-Stimmerkennung speziell für den Banksektor.
Der Markt wächst, die Bedrohungen wachsen schneller, und es gibt einfach nicht genug Personal um die Lücke zu füllen, weshalb KI hier keine Option mehr ist sondern eine Notwendigkeit. (Quelle: WEF Global Cybersecurity Outlook 2026)
Fazit
BACS-Direktor Schütz hat gut reden mit seiner „Hoffnung“, aber Hoffnung allein genügt nicht. Unternehmen die jetzt nicht handeln werden womöglich den Anschluss verlieren.
Man muss nicht alles auf einmal umkrempeln: wer seine bestehenden Sicherheitslösungen um einige KI-Komponenten erweitert (ob im E-Mail-Schutz, im EDR oder in der Netzwerküberwachung) gewinnt sofort an Reaktionsgeschwindigkeit. Gleichzeitig sollte jede Organisation ihre Mitarbeitenden auf KI-gestützte Angriffe vorbereiten (Awareness), insbesondere auf Deepfake-Anrufe und perfekt formulierte Phishing-Mails, denn die alten Erkennungsmerkmale wie Rechtschreibfehler oder seltsame Absenderadressen greifen leider meist nicht mehr.
Ebenso wichtig: das Patch Management überprüfen. Wenn Schwachstellen innert Stunden statt Monaten ausgenutzt werden, sind vierteljährliche Update-Zyklen ein Relikt aus einer früheren Zeit. Und wer KI-Tools im eigenen Unternehmen einsetzt (ob für Kundenkommunikation, Codegenerierung oder Datenanalyse) muss diese Systeme auch absichern, denn ein ungeschütztes LLM ist ein offenes Scheunentor…
Wir helfen Unternehmen die KI-gestützte Bedrohungslage zu verstehen und ihre Verteidigung entsprechend anzupassen. Kontaktieren Sie uns.
Quellen
- Bundesrat: Bericht zu KI in der Cybersicherheit (Postulat 23.3861)
- SRF: Kampf gegen Cyberkriminalität – schützt uns KI bald vor Cyberbetrug?
- Darktrace: The State of AI Cybersecurity 2026
- CSA: LLM Exploit Automation Threat Landscape
- Hadrian: The AI Offensive Security Boom
- Biometric Update: Deepfake Voice Fraud in der Schweiz
- FINMA: Umfrage zum KI-Einsatz in der Finanzbranche
- WEF: Global Cybersecurity Outlook 2026